Migrationsforschung: „Attraktionen werden deutlich überschätzt“


Wahrheitsfinder

Stand: 12.10.2022 17:20 Uhr

Immer wenn die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland steigt, werden in der Politik sogenannte Pull-Faktoren diskutiert. Migrationsexperten halten diese Theorie lange für überholt.

Geschrieben von Pascal Sigelko, ARD-Faktenfinder-Redaktion

Der russische Aggressionskrieg in der Ukraine sowie die angespannte Lage in Syrien und Afghanistan: Die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland ist deutlich höher als in den Vorjahren. Das Städte und Gemeinden haben bereits Alarm geschlagenEr forderte mehr staatliche Wohnungsbauförderung. Bundesinnenministerin Nancy Visser sprach von einer „starken humanitären Tour“.

An der Diskussion beteiligte sich auch CDU-Chef Friedrich MerzEr warnte vor „falschen Anreizen“ angesichts der Sozialleistungen von Flüchtlingen in Deutschland. Als Grund nannte Merz die sogenannten Attraktionen. Menschen aus vielen Ländern werden von den finanziellen Möglichkeiten in Deutschland angezogen. Schon vor der Bundestagswahl 2020 hatte die CDU den Anziehungsfaktor im Wahlprogramm erwähnt.

Die Theorie stammt aus den 1960er Jahren

Die Push-and-Pull-Theorie geht auf den amerikanischen Soziologen Everett Lee in den 1960er Jahren zurück. Versuchen Sie, globale Faktoren für Migrationsbewegungen zu ermitteln. Er hat für mich zwei Kategorien unterschieden: Push Factors – vom englischen Wort to push Factors – und Pull Factors – vom englischen Wort to pull (Pull).

Push-Faktoren beschreiben negative Bedingungen im Herkunftsland, die Menschen aus ihren Ländern „vertreiben“. Dazu gehörten zum Beispiel Kriege, Umweltkatastrophen oder Armut. Attraktion hingegen sind die positiven Bedingungen im Zielland, die Menschen „anziehen“, wie etwa ein höherer Lebensstandard oder ein Bedarf an Arbeitskräften.

Lees Theorie wird immer wieder aufgegriffen, wenn es um das Thema Einwanderung geht – vor allem, wenn die Zahlen steigen. Aber auch im Hinblick auf die Seenotrettung im Mittelmeer wird immer wieder der Vorwurf laut, dass die Rettung selbst Fluchtanreize schafft.

„Es ist eine vage Idee, mehr nicht.“

Andererseits galt Lees Theorie in der Einwanderungsforschung seit jeher als überholt. „Ich würde sagen, es ist eine sehr vage Vorstellung, mehr nicht“, sagt Frank Kalter, Direktor des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Lange Zeit wurde das Thema Einwanderung sehr sparsam gedacht. Es gibt viele andere Faktoren, die für die Einwanderung entscheidend sein können. In der öffentlichen Debatte würden diese Faktoren jedoch „stark unterschätzt, während ökonomische Faktoren stark überschätzt würden“.

Zudem sei es nicht möglich, „strukturelle Faktoren als Fluchtursachen auszuschließen, ohne das Entscheidungsverhalten des Einzelnen zu kennen“, sagt Kalter. „Die Realität ist komplexer als dieses Modell vermuten lässt.“ Wenn Menschen ihr Zielland nur aus wirtschaftlichen Gründen wählen, dann muss „die ganze Welt in Bewegung sein“. Aber es ist nicht. „Und das liegt daran, dass die Schauspieler so viele andere Dinge in ihre Gleichung werfen.“

Forscher wenden andere Methoden an

Für Tobias Heidland, Leiter des Zentrums für Internationale Entwicklungsforschung am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW), reicht die Vorstellung von Push- und Pull-Faktoren nicht aus. Die Theorie gilt in der Migrationsforschung als „etwas veraltet“. „Der Hauptgrund dafür ist, dass es sich um eine relativ starre Konstruktion handelt“, sagt Heidland.

Wenn Sie das wörtlich nehmen, kann es Faktoren geben, die jemanden pushen, und es gibt Faktoren, die jemanden anziehen. In diesem Modell haben die Menschen selbst überhaupt keine Meinung, sondern sind diesen äußeren Faktoren vollständig unterworfen.

Heidland sagt, dass in der Migrationsforschung heute zwei Dinge systematisch berücksichtigt werden. Erstens: Wer hat den Wunsch auszuwandern? Dies kann aufgrund aller möglichen Faktoren passieren. Im zweiten Schritt bleibt die Frage: Wer von den Menschen, die in ein anderes Land gehen wollen, hat eigentlich die Möglichkeit dazu, zum Beispiel finanziell? „So können wir genauer verstehen, warum Menschen in bestimmten Kontexten migrieren und vor allem warum nicht viele Menschen migrieren?“, sagt Heidland.

Soziale Kommunikation und Sprache sind wichtiger

Natürlich spielen auch Faktoren wie Einkommen und Lebensstandard bei der Wahl des Ziellandes eine Rolle, sagt Heidland. „Werde ich dort schlecht behandelt und habe keine Möglichkeit, meinen Lebensunterhalt zu verdienen, oder ist es ein Land, das mir gewisse Chancen bietet? Das ist besonders wichtig, wenn Sie nicht damit rechnen, schnell in Ihr Herkunftsland zurückkehren zu können.“

Wirtschaftliche Kalkulationen seien bei der Wahl des Ziellandes jedoch oft nicht möglich, „weil die Fluchtmotive meist recht unerwartet sind“, sagt Kalter. Soziale Netzwerke oder Sprache spielten bei der Fluchtentscheidung eine „viel größere Rolle“. „Der Umgang mit Verwandten und Freunden ist der dominierende Motivator.“

Das zeigen auch die Zahlen: Denn die meisten Ukrainer sind zum Beispiel nach Polen geflüchtet. Andererseits sind die meisten syrischen Flüchtlinge in der Türkei registriert. „Das wird aus unserer Sicht immer völlig unterschätzt: dass es in Krisenzeiten meist die unmittelbaren Nachbarn sind, die die meisten Flüchtlinge aufnehmen“, sagt Calter. Denn es gibt bereits bestehende Beziehungen und geografische und kulturelle Affinitäten.

Eine „Willkommenspolitik“ ist kein nachhaltiger Faktor

Auch eine Studie, die Heidland mit IfW-Kollege Jasper Tjaden erstellt hat, zeigt, wie wenig ein Faktor wie die „Willkommenspolitik“ von 2015 unter Altkanzlerin Angela Merkel die Migration nachhaltig beeinflusst. Kurzfristig, sagt Heidland, habe es wegen des Krieges in Syrien viele Flüchtlinge gegeben.

Aber wir stellen keine dauerhafte Zunahme des Wunsches von Menschen in anderen Ländern fest, nach Deutschland zu gehen. Das Narrativ, die damalige Merkel-Politik habe dafür gesorgt, dass jetzt dauerhaft mehr Menschen nach Deutschland kommen wollen, lässt sich in den Daten also nicht untermauern.

Zumal viele der Menschen, die damals nach Europa geflüchtet seien, bereits aufgebrochen seien, bevor Merkel beschloss, die Grenzen nicht zu schließen, sagt Heidland. Daher spielte Werbung bei ihrer Flucht keine Rolle.

Arbeitsmigration innerhalb der Europäischen Union

Heidland weist auch darauf hin, dass die Mehrheit der Migration, die stattfindet, überhaupt keine Fluchtmigration ist – außer in Jahren wie 2015 oder jetzt 2022. „Normalerweise sind 90 Prozent oder mehr der Migration hauptsächlich Arbeits- und Bildungsmigration, also der größte Teil innerhalb der EU .“ In öffentlichen Diskussionen von Medien und Politik spiegelt sich dies oft nicht wider.

Jedes Jahr kommen mehr als eine Million Menschen nach Deutschland und mehr als eine Million Menschen verlassen es. „Die Nettozuwanderung beträgt normalerweise weniger als 500.000“, sagt Heidland. Ohne jährliche Zuwanderung aus dem Ausland schrumpft Deutschland seit den 1970er Jahren aufgrund einer niedrigen Geburtenrate.

Auch für Wanderarbeiter sei die Sprache einer der wichtigsten Faktoren bei der Wahl des Ziellandes, sagt Heidland. „Davon hängt natürlich der Erfolg auf dem Arbeitsmarkt ab.“ Deshalb sind auch die Migrationsströme zwischen Deutschland und der Schweiz, Dänemark und Polen deutlich höher als beispielsweise zwischen den Balkanländern und Deutschland. „Das sind Faktoren wie räumliche Nähe, Sprache und ähnlich funktionierende Arbeitsmärkte.“

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